Scrum ist nicht moderne Führung

Vor einiger Zeit besuchte ich ein Seminar zum Thema Führung in einer digitalen Welt (aka. moderne Führung). In diesem Seminar wurde der Vorschlag gemacht Daily Stand-ups einzuführen um die Zusammenarbeit in einer ansonsten sehr klassisch arbeitenden Abteilung zu verbessern. Sofort protestierte jedoch ein Teilnehmer vehement: Das sei gar kein richtiges Scrum-Vorgehen, wenn man die anderen Elemente von Scrum nicht auch einsetze. Man müsse Scrum nach dem Lehrbuch umsetzen.

Um lupenreines Scrum ging es in diesem Fall aber gar nicht, sondern um moderne Führung!

Moderne Führung beinhaltet sicherlich Elemente der agilen Vorgehensweisen, z. B. Partizipation, Offenheit und möglicherweise die agilen Vorgehensmethoden selbst. (Ich verwende in diesem Beitrag Scrum als Beispiel für eine agile Vorgehensmethode, da man daran konkreter diskutieren kann. Das Gesagte trifft aber prinzipiell auf alle agilen Softwareentwicklungsvorgehen zu – zum Beispiel auch auf Kanban.) Das agile Vorgehen selbst ist aber nicht automatisch moderne Führung!

Die agile Methode Scrum zum Beispiel ist ursprünglich ein Vorgehensmodell für die Softwareentwicklung. An dieser Stelle muss einmal anerkannt werden, dass die gern belächelten “Nerds” moderne Arbeitsweisen entscheidend vorangebracht haben und zwar mit den innovativen Konzepten, die sich im agilen Manifest wiederfinden. Diese Konzepte entstanden in und für die Softwareentwicklung, aber werden heute weit darüber hinaus angewendet und krempeln klassisches Projektmanagement gründlich um.

Allerdings liefert Scrum (oder andere agile Softwareentwicklungs-Vorgehen) keine systematischen Antworten auf das Führen einer Unternehmung, nicht einmal für die Entwicklung von Software mit mehr als einem Team. Scrum fokussiert auf genau ein Team, das ausschließlich an einem Softwareprodukt arbeitet. Alles, was darüber hinaus geht, kennt das ursprüngliche Scrum nicht. An einer hinreichend komplexen Software arbeiten aber unter Umständen mehrere Teams. Selbst wenn diese alle für sich brav agil nach Lehrbuch arbeiten, wird es methodisch mit Scrum schon eng, wenn sie sich abstimmen müssen (Und das müssen sie ziemlich sicher). Erste Antworten auf dieses Problem gibt es in Form von einem einfachen Scrum of Scrums-Meeting oder beispielsweise dem sehr komplexen SAFe-Framework. Diese Methoden stecken aber noch in den Kinderschuhen und decken allenfalls einzelne Aspekte einer übergreifenden Arbeitsorganisation ab. Es gibt aber noch viel mehr Aufgaben, für die agile Methoden keine Lösung bieten: Die Abstimmung zwischen verschiedenen Fachbereichen, Portfolio-Planung, Mitarbeiterentwicklung – um nur einige zu nennen.

Was macht also moderne Führung aus? Systematischer betrachtet, muss moderne Führung Folgendes leisten:

  • Transparenz und Vernetzung im Unternehmen schaffen um das vorhandene Wissen schnell und effizient zu nutzen
  • Mitarbeiter entwickeln zum beiderseitigen Nutzen: Mitarbeiter, die sich entwickeln können, sind besser qualifizierte Mitarbeiter, die aber auch gerne im Unternehmen bleiben, da sie selbst vorankommen und die Chance haben Neues auszuprobieren
  • Die Organisation so gestalten, dass die einzelnen Einheiten für sich so autark und selbstwirksam wie möglich agieren können und gleichzeitig klare Schnittstellen zu anderen Einheiten vorhanden sind
  • Die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Teilen der Unternehmung fördern – zum Wohl der gesamten Unternehmung und nicht zur Profilierung einzelner Abteilungen
  • Eine Strategie und Ziele schaffen und fortlaufend weiterentwickeln
  • Die Implementierung der Strategie sicherstellen
  • Die notwendige Umgebung für eine erfolgreiche Verfolgung der Ziele schaffen
  • Entscheidungen dort treffen lassen, wo die höchste Kompetenz im Thema vorhanden ist. Typischerweise bedeutet das: So tief wie möglich in der Hierarchie.

Nun sind die genannten Punkte nicht dogmatisch einheitlich auf jede Unternehmung anzuwenden, sondern hängen von deren Charakter ab. Für eine rein produzierende Unternehmung ohne Forschung & Entwicklung oder sonstige innovative Prozesse sind ziemlich sicher alle Punkte in irgendeiner Form relevant, aber vermutlich nicht so sehr wie bei einer Unternehmung, die einen großen Teil ihrer Wertschöpfung über eine Produktentwicklung erzielt.

Scrum oder ein anderes agiles Vorgehen kann davon nicht alles unterstützen. Zu übergreifender Zusammenarbeit oder einer Strategiefindung trägt Scrum wenig bei. Die erfolgreiche Verfolgung der Ziele kann Scrum als Umsetzungsmethodik hingegen gut sicherstellen. Doch selbst dafür muss nicht unbedingt eine agile Methodik genutzt werden. Anders herum sind die agilen Methoden oder auch nur Elemente daraus für viele der genannten Punkte sehr hilfreich. Die Daily Stand-ups aus dem Eingangsbeispiel erhöhen auf jeden Fall die Transparenz in einem Team. Trotzdem bleiben viele Aufgaben moderner Führung, auf die andere Antworten gefunden werden müssen.

Es ist also natürlich sinnvoll agile Praktiken insgesamt oder Teile davon einzusetzen. Man darf nur nicht der Illusion erliegen allein damit schon moderne Führung umzusetzen.

2 Gedanken zu „Scrum ist nicht moderne Führung

  1. Toller Artikel zum Thema moderne Führung. Dein Leistungskatalog von Führung deckt sich auch stark mit dem Ansatz in Management 3.0 (Marty) – Align Constraints + Develop Competence + Grow Structure + Improve everything + Energize people + Empower teams.

    Ich denke Scrum hilft bei der Umsetzung moderner Führung – als ein Framework, was im komplexen Umfeld eingesetzt werden kann und durch die Feedback-Schleifen und Selbstorganisation Komplexität adressiert. Ich stimme Dir zu, dass es Führung braucht und Scrum allein das nicht mitbringt.

    Evtl. sind ja bzgl. Führung auch die notwendigen Kompetenzen interessant? Als Extrakt von „Mit neuer Autorität in Führung“ – hier eine evtl. interessante Quelle: http://www.ontheagilepath.net/2016/03/7-core-competencies-of-new-leadership-leading-with-new-authority.html

    1. Vielen Dank für das Feedback!
      Den Satz: „Ich denke Scrum hilft bei der Umsetzung moderner Führung – als ein Framework, was im komplexen Umfeld eingesetzt werden kann“ finde ich besonders spannend. In der Zukunft wird es hier wohl auch mal einen Artikel dazu geben, wann Scrum eigentlich ein geeignetes Vorgehen ist und wann nicht.

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