Über neue Arbeit

Im März fand in der Hamburger Elbphilharmonie die dritte “New Work Experience” (NWX) statt. Die NWX ist eine von Xing veranstaltete Konferenz zum Thema “New Work” – zur Zukunft der Arbeit.

Mich begeistert die Konferenz jedes mal, weil sie mit einer enormen Breite von Themen ganz neue Perspektiven auf unsere Arbeitswelt eröffnet.

Die Elbphilharmonie in Hamburg - Veranstaltungsort der Xing New Work Experience 2019
Die Elbphilharmonie in Hamburg – Veranstaltungsort der Xing New Work Experience 2019

Wie wird sich unsere Arbeitswelt verändern und warum ist das relevant? In einigen Branchen ist der Arbeitsmarkt schon heute ein Arbeitnehmer-Markt geworden, d. h. der Bedarf an Mitarbeitern ist größer als das Angebot. Unternehmen haben es schwer, Bewerber für offene Stellen zu gewinnen. Fachkräftemangel und demografischer Wandel sind wesentliche Faktoren, die nach heutigem Stand diese Diskrepanz mittel- bis langfristig noch verschärfen können. Gleichzeitig entstammt die Gruppe der potenziellen Mitarbeiter zunehmend der Generation Y bzw. Z und hat als sogenannte “Digital Natives” andere Ansprüche an Arbeit.

Vor diesem Hintergrund des zunehmenden Mangels an potenziellen Mitarbeitern, die gleichzeitig immer selbstbewusster Ansprüche daran formulieren, wie Arbeit für sie funktionieren soll, wird es meiner Meinung nach ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für Unternehmungen sein, was für eine Arbeitswelt und was für Arbeitsmodelle sie anbieten.

Fünf Thesen dazu, wie sich Arbeit in der Zukunft verändern wird oder sollte, fand ich auf der NWX besonders eindrücklich und möchte sie deshalb hier vorstellen.

  1. Flexibilität ist Trumpf
  2. Abschied vom 40-Stunden-Modell
  3. Lineare Karrieremodelle waren gestern
  4. Alternative Erwerbsformen sind im Kommen
  5. Unser Ansatz für Bildung muss sich ändern

Flexibilität ist Trumpf

Obwohl es mittlerweile schon fast als Binsenweisheit bezeichnet werden kann, scheint mir diese Einsicht bei vielen Firmen noch nicht wirklich angekommen zu sein: Mitarbeiter erwarten zunehmend eine hohe Flexibilität ihrer Arbeitsumgebung. Damit meine ich nicht, dass die Firma eine jederzeitige Verfügbarkeit des Mitarbeiters erwartet, sondern das Gegenteil: Mitarbeiter wollen ihre Arbeitsleistung erbringen, aber nach ihren Vorstellungen, das heißt wann und wo es für sie passt.

Die viel beschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Grund dafür. Unternehmen müssen flexibel damit umgehen können, wenn Mitarbeiter früh das Büro verlassen, weil sie z. B. zu einem Elternabend gehen. Das Büro per se wird auch immer weniger an die von der Unternehmung angemieteten Räumlichkeiten gebunden sein. Wenn Mitarbeiter frühzeitig zu einem Elternabend gingen, holen sie diese Arbeit vielleicht abends noch von zu Hause aus nach. Das ist noch eine eher simple Form von Flexibilität, die Unternehmungen zunehmend ermöglichen müssen. Schon heute entwickeln sich Modelle, bei denen Mitarbeiter ihre Arbeit hauptsächlich von einem Ort fernab des Büros erbringen, zum Beispiel für zwei Monate von Mallorca aus. Auch wenn dies zunächst nach abgehobenen Wünschen klingt, so kann es vielfältige gute Gründe oder gar Zwänge geben. Ein Beispiel aus meinem Alltag ist ein Kollege, der während eines Klinikaufenthaltes seiner Schwester für eine Operation in der Nähe sein wollte und deshalb eine Woche aus der Stadt seiner Schwester arbeitete. Ich selbst plane aus privaten Gründen eine Woche im Sommer aus Dublin zu arbeiten. Zalando hat dort allerdings auch ein Büro, das ich dann nutzen werde, was es noch einfacher macht. Mit meinem Chef habe ich das denkbar unkompliziert abgestimmt – nach kurzer Erklärung hatte ich sofort sein okay.

Selbstverständlich gibt es auch Anlässe, bei denen es wichtig ist zu einer bestimmten Zeit im Büro zu sein um persönlich kommunizieren zu können. Aber genau das ist Flexibilität zum gegenseitigen Wohl – wenn solche betrieblichen Notwendigkeiten bedient werden können, genauso wie die Notwendigkeiten aus dem Privatleben der Mitarbeiter. Und natürlich gibt es auch Jobs, bei denen solche Flexibilität prinzipiell unmöglich ist, z. B. alle mit direktem Kundenkontakt vor Ort. Aber es lohnt sich zu hinterfragen, wo diese Zwänge wirklich bestehen und wo es eigentlich anders geht.

Dennoch gibt es gerade in Deutschland heute noch eine erschreckende Anzahl von Unternehmungen, bei denen es auch ohne zwingenden Grund verpflichtend ist (oder technisch nicht anders angeboten wird) während definierter Arbeitszeiten zu arbeiten und zwar im Büro. Nur wer da ist, erbringt Leistung. Dass ich während eines ganzen Tages Anwesenheit im Büro wesentlich unproduktiver sein kann als zu flexiblen Zeiten zu Hause oder anderswo, muss sich erst noch herumsprechen. Mitarbeiter möchten nach Ergebnissen bewertet werden, nicht nach Anwesenheit.

Mitarbeiter möchten nach Ergebnissen bewertet werden, nicht nach Anwesenheit.

Mitarbeiter nehmen solche Unterschiede sehr klar wahr. Biete ich als Unternehmung Flexibilität an, ist das heute eine gute Möglichkeit zur Mitarbeiterbindung. Als Mitarbeiter muss man leider immer noch befürchten anderswo nicht diese Flexibilität zu bekommen. In der Zukunft wird das jedoch zunehmend transparenter nach außen werden. Flexibilität wird damit ein wichtiges Auswahlkriterium, anhand dessen sich Bewerber für oder gegen Unternehmen entscheiden.

Flexibilität wird ein wichtiges Auswahlkriterium, anhand dessen sich Bewerber für oder gegen Unternehmen entscheiden.

Abschied vom 40-Stunden-Modell

Über das “Wo” und “Wann” hinaus, sollten wir auch das “Wie viel” der Arbeit nicht als naturgegebene Vollzeitstelle betrachten.

Die Jobsharer Christiane Hassis und Angelika Nelissen von Unilever präsentieren auf der NWX wie gut Jobsharing funktionieren kann
Die Jobsharer Christiane Hassis und Angelika Nelissen von Unilever

Auf der NWX haben Christiane Haasis & Angela Nelissen vorgestellt, wie sie als Tandem die Position des Vice President Refreshment bei Unilever sehr erfolgreich ausfüllen. Tandem ist ein Jobsharing-Modell und bedeutet, dass beide gemeinsam eine Position bekleiden. Beide arbeiten nicht Voll-, sondern Halbzeit: die eine von Montag bis Mittwoch, die andere von Mittwoch bis Freitag – mit der Überlappung am Mittwoch, damit sie sich untereinander abstimmen können. Sie teilen sich die Verantwortung, das Gehalt und haben ein gemeinsames Mitarbeitergespräch. In ihrem Vortrag räumten sie mit einigen Vorurteilen auf, wie schwierig ein Tandem-Modell sei:

  1. Man brauche ein perfektes Match: Dem ist nicht so – man brauche nicht den „perfekten Partner“ finden. Was man braucht, seien gemeinsame Ziele, Coaching & Entwicklung und Duo anstatt Ego.
  2. Ein Tandem in den Betriebsalltag zu integrieren sei komplex und kompliziert: Auch dies können sie nicht bestätigen. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, solle man einfach anfangen, auf Feedback und die Kommunikation achten und digitale und agile Tools nutzen. Dadurch funktioniere das Jobsharing besser als gedacht. Die Tandems selbst und deren jeweilige Chefs bei Unilever seien überdurchschnittlich zufrieden.
  3. Im Tandem zu arbeiten sei ein Karriere-Stopper: Ihrer Erfahrung nach seien die Tandems überdurchschnittlich motiviert, hätten quasi eingebaute Sparringspartner und erbrächten dadurch überdurchschnittliche Ergebnisse. Mit dem entsprechenden Commitment von der Unternehmensführung seien auch erfolgreiche Karrieren im Tandem möglich.

In Deutschland gibt es derzeit rund 11 Millionen Teilzeitbeschäftigungen. Typischerweise werden diese als nicht sehr hoch qualifizierte Tätigkeiten erbracht – aus dem Irrglauben heraus man müsse schon Vollzeit arbeiten um Verantwortung übernehmen zu können. Einerseits halte ich dies an sich für unsinnig und andererseits zeigt das Beispiel von Christiane und Angela, dass man auch alternative Modelle finden kann, die vermeintliche Nachteile von Teilzeitbeschäftigung in Vorteile umwandeln. Hierzu empfehle ich meinen Artikel “Nimm 2”, bei dem es um Doppelspitzen für Führungspositionen geht. In dem Beitrag schreibe ich zwar über Vollzeitstellen, aber die Vorteile bleiben auch bestehen, wenn statt dessen Teilzeitstellen kombiniert werden. Auf der NWX erzählten Christiane und Angela das eindrückliche Beispiel, dass Unilever beiden zusammen zwar ein Gehalt bezahlt und einmal Vollzeit-Arbeitszeit bekommt, allerdings bekommt es auch die doppelte Gehirnleistung, denn wenn zwei Personen über ein Problem nachdenken, kommt dabei in der Regel mehr heraus, als wenn eine Person das allein macht.

Wenn zwei Personen über ein Problem nachdenken, kommt dabei in der Regel mehr heraus, als wenn eine Person das allein macht.

Meine eigene Arbeitszeit ist nicht wirklich vergleichbar mit dem geschilderten Beispiel, aber aus persönlichen Gründen arbeite ich vertraglich 4,5 Tage pro Woche. Ich bin sehr dankbar, dass Zalando dies ermöglicht (obwohl ich ursprünglich sogar auf ein 4-Tage-Modell gehofft hatte). Auch dies ist für mich ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Arbeitgebern, die so etwas nicht anbieten.

Lineare Karrieremodelle waren gestern

Idit Biton ist Senior Partner und Innovation Facilitator bei SIT (Systematic Inventive Thinking). Auf der NWX stellte sie die These auf, dass die Menschen der nächsten Generation in ihrem Arbeitsleben insgesamt vier Karrieren durchleben würden. Das bedeutet, dass sie nicht mehr wie früher lebenslang für einen Arbeitgeber arbeiten werden. Sie werden auch nicht mehr wie heute typisch regelmäßig den Job wechseln, aber dabei fachlich jeweils etwas Ähnliches, nur bei einem neuen Arbeitgeber machen. Statt dessen werden sie sich tatsächlich im Lauf des Lebens auf ganz unterschiedliche Themen fokussieren.

Diskussions-Panel mit Idit Biton über Innovation und ihren Einfluss auf unsere Arbeit
Diskussions-Panel mit Idit Biton über Innovation und ihren Einfluss auf unsere Arbeit

Wesentliche Treiber dafür werden einerseits der sich weiter beschleunigende Fortschritt und Umbruch in nahezu allen Bereichen sein, z. B. durch künstliche Intelligenz. Andererseits prognostiziert Idit auch einen weiter zunehmenden Bedarf an interdisziplinärem Wissen und Arbeiten. Gerade in solchen Konstellationen liegt es dann nahe, dass sich der eigene fachliche Schwerpunkt auch auf andere Themen verschieben wird.

Die kommende Generation wird in ihrem Leben vier Karrieren haben.

Eine Voraussetzung dafür wird das lebenslange Lernen: Es wird vom Nice-to-have zum Must-have. Gleichzeitig steigt aber die Wertschätzung für „Quereinsteiger“. Wenn man heute das eigene Fachgebiet verlässt und etwas Neues beginnt, gilt man zumindest in Deutschland stets als Neueinsteiger und beginnt quasi von null. Das wird sich zukünftig ändern, wenn auch die Erfahrung, die man aus anderen Bereichen mitbringt, als wertvoll anerkannt und geschätzt wird.

Lebenslanges Lernen wird vom Nice-to-have zum Must-have.

Wie wir die Menschen mit unserem Bildungssystem darauf vorbereiten, ist eine offene Frage, die weiter unten noch angesprochen wird.

Alternative Erwerbsformen sind im Kommen

Wie erwartet sehr spannend war auch der Vortrag von Sascha Lobo. Neben vielen anderen gut beobachteten Themen, war ein Augenöffner für mich seine Aussage zu rechtlichen Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit in Deutschland – konkreter zur Bevorzugung der abhängigen Beschäftigung, bzw. der Benachteiligung der selbständigen Arbeit.

Sascha Lobo über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit
Sascha Lobo über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit

Er kritisiert, dass die arbeitsrechtlichen, sozialen und wirtschaftspolitischen Regelungen in Deutschland die abhängige Beschäftigung bei einem Arbeitgeber bevorzugen – sei es bezogen auf Mindestlohn, Kündigungsschutz, Elternzeit oder andere Themen.

Der Fokus auf abhängige Beschäftigungen war gut in den Zeiten, in denen Deutschland wirtschaftlich erfolgreich geworden ist durch die Industrialisierung. Was aber heute und zukünftig bedeutender wird, sind flexiblere Arbeitsmodelle, die deutlich weniger an einzelne Unternehmen gebunden sind und entsprechend auch weniger oft eine abhängige Beschäftigung sein werden. In der Zukunft werden mehr Menschen eine ähnliche Leistung für viele unterschiedliche Unternehmungen erbringen und nicht fest angestellt sein.

Flexiblere Arbeitsmodelle werden zukünftig bedeutender. Mehr Menschen werden eine ähnliche Leistung für viele unterschiedliche Unternehmungen erbringen und nicht fest angestellt sein.

Hierfür sind wir in Deutschland noch schlecht aufgestellt und müssen das nachholen. Sascha Lobo erwähnte das Beispiel der Paketzusteller, bei denen durch Auftragsvergabe an Sub-Sub-Sub-Unternehmer Arbeitnehmerrechte umgangen würden.

Eine Aufzeichnung von Sascha Lobos Vortrag gibt es leider nicht, aber zumindest ein Interview:

Unsere Ansatz für Bildung muss sich ändern

Eine sehr weitreichende These, die Sascha Lobo aufstellte zur Zukunft der Arbeit und der Bildung, ist die folgende:

Arbeit und Bildung verschmelzen bis zur Ununterscheidbarkeit.
.Sascha Lobo: "Zukunft der Arbeit - Arbeit und Bildung verschmelzen bis zur Ununterscheidbarkeit."
Sascha Lobo: „Arbeit und Bildung verschmelzen bis zur Ununterscheidbarkeit.“

Folgt man dieser These, wozu ich neige angesichts der oben erwähnten Prognosen zu mehr interdisziplinärer Arbeit und durchschnittlich vier Karrieren in einem Menschenleben, wirft dies einmal mehr einschneidende Fragen zu unseren Bildungsmodellen auf.

Das betrifft zuerst die Schule. Der Neurobiologe Gerald Hüther bemerkte dazu in der Eröffnungs-Keynote, dass „Lernen“ eigentlich ein angeborenes Verhalten sei, was man bei Kindern wunderbar beobachten könne. Doch spätestens ab der Schulzeit würde dieser kreative Lerndrang dadurch nachhaltig gebremst, dass Kinder zum Objekt der Erwartungen von Lehrern und Eltern würden.

Dies setze sich auch im Arbeitsleben fort, obwohl natürlich auch dort kreativer Lerndrang nötig sei. Gerald Hüthers Rat dazu ist einfach:
Um jemanden aus einer negativen Haltung zu befreien, könne man denjenigen nur einladen, ermutigen und inspirieren seine Entdeckerlust wiederzufinden. Seine Keynote ist in der NZZ ganz treffend wiedergegeben, auch wenn ich seine Ansichten zu Künstlicher Intelligenz nicht unbedingt teile.

Ich bin jedoch überzeugt, dass wir mit dem derzeitigen Schulsystem und unseren Bildungsansätzen im späteren Berufsleben völlig unzureichend aufgestellt sind für die Anforderungen der Zukunft. Wir müssen dringend andere Wege zum Lernen finden – Lernen in allen Phasen des Lebens. Persönlich glaube ich, dass gerade die Digitalisierung uns hier mächtige Lösungen ermöglicht, wir müssen sie nur kreieren und einsetzen.

Wir müssen dringend Wege zum Lernen finden – Lernen in allen Phasen des Lebens.

Die vollständige Keynote von Gerald Hüther kann man hier anschauen:

Gerald Hüther „Die Wiedererweckung von Intentionalität und Co-Kreativität „

Fazit

All dies war nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, welche Themen auf der NWX diskutiert wurden. Bereits hier wird deutlich, welch tiefgreifende Veränderungen auf uns zukommen. Und nicht irgendwann – es hat längst begonnen. Sicherlich spüren bei weitem noch nicht alle Unternehmen diese Veränderungen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es ein Wettbewerbsvorteil sein wird sich frühzeitig darauf einzustellen und nicht erst, wenn es unumgänglich geworden ist. Gerade die kreativen und innovativen Köpfe erwarten heute ein anderes Arbeiten als früher. Ihnen dies anzubieten wird zum beiderseitigen Vorteil werden.

Die kreativen und innovativen Köpfe erwarten heute ein anderes Arbeiten als früher.

Noch mehr von der New Work Experience 2019 gibt es als:

Die Hamburger Elbphilharmonie von außen betrachtet
Die Hamburger Elbphilharmonie

Wenn du einen Rechtschreibfehler findest, benachrichtige mich bitte, indem du den Text auswählst und dann Strg + Eingabetaste drückst.

Diesen Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.